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Wundermittel: Die Welt will betrogen werden
 
Taschenbuch der Geheimmittellehre, fachgerecht restauriert
 
Wundermittel brauchen Reklame: Im "Jahrmarktsfest zu Plundersweilern” lässt Goethe den Marktschreier eine damals übliche Form der Werbung für Geheimmittel vorführen. Die Hersteller dieser Arcana (lat. Arcanum = Geheimnis) zogen von Ort zu Ort und verkauften sie marktschreierisch. Eine Wende bahnte sich Mitte des 19. Jahrhunderts an. Pharmazeutische Fabriken entstanden, die Arcana als Fertigarzneimittel im großen Stil produzierten und hauptsächlich im Versandhandel vertrieben. Der Absatz wurde durch Zeitungsannoncen, Plakate und Flugblätter angekurbelt. Die Erzeuger verstanden es, sich von der Konkurrenz abzuheben und Marken zu etablieren. Die immer wieder veröffentlichten Fallberichte, Dankschreiben und „Gutachten“ sollten die Kunden von der überragenden Wirksamkeit der Mittel überzeugen, wobei die Autorität der Apotheke durch den oft unzutreffenden Zusatz "zu haben in allen (besseren) Apotheken“ äußerst geschickt ausgenützt wurde.

Apotheker, Ärzte und staatliche Organe waren sich darin einig, dass das Geheimmittelwesen bekämpft werden müsse. Eine Lösung dieses Problems versprach man sich durch Aufklärung. Die Geheimmittel sollten analysiert und deren Zusammensetzung mit Kommentaren, sowohl zur Wirksamkeit als auch zur Preisgestaltung, veröffentlicht werden.


Eine Flasche voll kostet 15 Silbergroschen (ein Taglöhner verdiente etwa 7,5 Silbergroschen), würde aber schon mit dem vierten Theile bezahlt sein.
Apotheker Georg Christian Wittstein brachte 1867 sein Taschenbuch heraus, das man als Vorläufer der Ratgeber der österreichischen Verbraucherschutzorganisation VKI bezeichnen könnte. Das „Taschenbuch der Geheimmittellehre - Eine kritische Uebersicht aller bis jetzt untersuchten Geheimmittel - Zunächst für Aerzte und Apotheker, dann zur Belehrung und Warnung für Jedermann“ erschien in mehreren, jeweils verbesserten und aktualisierten Auflagen. Die besonders interessante und wertvolle Erstausgabe, die sich im Besitz der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer befindet, konnte kürzlich, dank der finanziellen Zuwendung eines „Buchpaten“, restauriert werden. Unsere Bibliothekarin, Mag. Sigrid Fichtinger-Huber, hat kürzlich ausführlich darüber in der ÖAZ berichtet.

Apotheker Wittstein konnte mit seinem Buch leider nicht verhindern, dass weiterhin Mittel mit völlig unrealistischen Werbeaussagen zu überhöhten Preisen den grauen Arzneimittelmarkt überschwemmten. Ein 1909 erschienener Aufsatz analysiert das Problem treffend: „eine große Rolle finden diese Produkte hauptsächlich in der Scheu des Publikums, sich in gewissen Fällen einem Arzt anzuvertrauen, oder in dem Wunsch, Hilfe in Fällen zu erhalten, wo sie der Arzt nicht bieten kann [….] ihre Urheber und Verkäufer wissen in der Regel das Gesetz geschickt zu umgehen, bedienen sich in ausgedehntem Maß der Presse, die leider solche Annoncen nicht immer zurückweist, und richten vor allem dadurch Schaden an, dass sie die Patienten veranlassen, durch Quacksalbereien vielleicht den richtigen Zeitpunkt zu verfehlen, wo noch ärztliche Hilfe möglich war.“ Eine Aussage, die auch im Zeitalter der dubiosen Internetangebote nach wie vor aktuell ist.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur (die Welt will betrogen werden, also soll sie betrogen werden) zitierte schon Martin Luther. Der Zusatz 'ergo decipiatur' stammt angeblich von Paracelsus.

Literatur:
Elmar Ernst: Das "industrielle" Geheimmittel und seine Werbung: Arzneifertigwaren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Jal-Verlag, Würzburg (1975).
Fichtinger-Huber S: Mit Patenschaften wertvolle Bücher erhalten. ÖAZ 12/2017, Seite 88.
Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909


Download Historische Schmankerln 13 (ÖAZ 16/2017 Seite 58-59)
OAZ-2017-16p58-59.pdfOAZ-2017-16p58-59.pdf

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Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer / ÖAZ Historische Schmankerln